Stephan Laux / Maike Schmidt (eds.): Grenzraum und Repräsentation. Perspektiven auf Raumvorstellungen und Grenzkonzepte in der Vormoderne (reviewed by Alexander Schunka)


sehepunkte 22 (2022), Nr. 1

Stephan Laux / Maike Schmidt (Hgg.): Grenzraum und Repräsentation

Der aus neun Aufsätzen bestehende Band beruht auf einer gleichnamigen Trierer Tagung des Jahres 2015. Ausweislich der knappen Einleitung enthält er Fallstudien zur Konstruktion und Repräsentation von Grenze und Raum in der Vormoderne und versteht sich als Beitrag zu einer "Raumgeschichte als Wissensgeschichte." (9) Eher konzeptionell angelegte Kapitel wechseln sich ab mit Fallstudien. Präsentiert wird ein breites Panorama zumeist grenz- und raumbezogener Untersuchungen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit, deren inhaltliche Verbindung zu den Prämissen des Bandes - so viel sei vorweggenommen - sich nicht immer ganz leicht erschließt.

Das Augenmerk der Aufsätze gilt verschiedenen europäischen Gebieten in unterschiedlicher Skalierung: Maike Schmidt betrachtet Grenzen als (Ordnungs-) Praktiken unter der Prämisse ihrer veränderten Bedeutung und Wahrnehmung über die Jahrhunderte. Am Beispiel französischer Forstgrenzen der Frühen Neuzeit werden Verfahren der Ordnung des Raumes und deren Interpretationsmöglichkeiten durch unterschiedliche Beteiligte aufgezeigt; demnach seien es insbesondere die Grenzkonflikte, die eine Grenze erst etablierten. Basierend auf seiner Habilitationsschrift zeichnet Andreas Rutz anschließend die evolutionäre Etablierung von Landkarten bei der Konstruktion territorialer Grenzen im frühneuzeitlichen Reich nach (der Aufsatztitel spricht gar von einer "Revolution"), die sich erst langsam und in enger Verklammerung von kartographischen mit textuellen Elementen durchsetzten. Ausgehend von akteurs- und praxisbezogenen Raumkonzepten weist der Beitrag anhand des Nürnberger Landgebietes nach, dass vor allem seit dem 18. Jahrhundert mit Hilfe von Karten politische Fakten geschaffen wurden. Camille Crunchant wiederum verfolgt mit Blick auf die nordostfranzösische Außengrenze die Entwicklung von einer unsichtbaren, immateriellen Grenzzone zu einer sichtbaren, linearen Grenze zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert - besondere Bedeutung besaßen Aspekte ihrer militärischen Sicherung und damit verbundene administrative und kulturell-repräsentative Akte. Die Veränderlichkeit einer mehr oder weniger linear gedachten Grenze durch lokale Praktiken der Ressourcennutzung thematisiert der Aufsatz von Martin Berthold am Beispiel des Holzschlagens in einem zwischen Brandenburg und Kursachsen umstrittenen Gebiet bei Zossen und Baruth um 1700.

Zwei Beiträge behandeln das Problem von Mündlichkeit und Schriftlichkeit bei der Informationsgewinnung für das Aushandeln räumlicher Ansprüche. So beschreibt Benjamin Müsegades anhand von Urbaren des 14. Jh. aus dem Südwesten des Reiches, inwiefern derartigen Bestandsaufnahmen über Besitz- und Abgabenverhältnisse sowohl mündlich erhobene Informationen als auch archivierte Schriftzeugnisse zugrunde lagen. Der Beitrag von Daniel Kaune thematisiert das Zusammenspiel von Zeugenbefragungen und Augenscheinskarten in einem Reichskammergerichtsprozess über einen Grenzstreit aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. In Verbindung mit den Fragstücken der Verhöre konnten Augenscheine eine räumliche Realität konstruieren bzw. inszenieren und waren damit Teil der Prozesstaktik einer Partei.

Zwei weitere Kapitel befassen sich mit grenzüberschreitender Mobilität: Im Aufsatz von Thomas Richter über einen Grenzkonflikt zwischen dem katholischen Aachen und den Generalstaaten aus dem letzten Drittel des 17. Jahrhundert spielt vor allem der konfessionelle Faktor eine Rolle, denn hier ging es letztlich nicht um Landeserweiterung, sondern um den Versuch, das "Auslaufen" Aachener Reformierter ins benachbarte Vaals zu verhindern. Jort Blazejewski nimmt demgegenüber Trier und Luxemburg als Zufluchtsgebiete adeliger und geistlicher Emigranten der Französischen Revolution in den Blick und betont die administrativen und ökonomischen Herausforderungen bei der Aufnahme der Neuankömmlinge.

Um imaginierte Grenzen und deren Überschreitung geht es schließlich im Beitrag von Inge Hülpes, der das Nürnberger Fastnachtsspiel "Vom heyraten" aus dem 15. Jahrhundert behandelt und sich damit thematisch recht weit von den anderen Kapiteln entfernt. Im Sinne einer karnevalesken Verkehrung gesellschaftlicher Zustände stehen hier insbesondere sexuelle Tabus im Zentrum.

Nicht allein der letztgenannte Aufsatz zeigt, dass die Einzeluntersuchungen gelegentlich nur in ziemlich loser Verbindung zueinander und zum titelgebenden Thema des Bandes stehen - auch die gliedernden Zwischenüberschriften tragen wenig zur Klarheit bei. Bei den meisten der hier versammelten Beiträge handelt es sich um die Vorstellung von Dissertationsprojekten bzw. um Fallstudien aus dem Kontext größerer (Abschluss-) Arbeiten. Ohne Zweifel bietet der reich bebilderte Band immer wieder interessante Momentaufnahmen und Einblicke in die politische, kulturelle und wissensgeschichtliche Konstruktion bzw. Infragestellung von (nicht ausschließlich) räumlichen Ordnungsansprüchen.

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Dokumenttyp
Rezension (Monographie)
Zeitschrift
sehepunkte
Autor (Rezension)
Textsprache(n) (Rezension)
German
Textsprache(n) (der rezensierten Schrift)
German
Herausgeber der präsentierten Monographie
Titel
Grenzraum und Repräsentation
Untertitel
Perspektiven auf Raumvorstellungen und Grenzkonzepte in der Vormoderne
Erscheinungsjahr
2019
Erscheinungsort
Trier
Verlag
Kliomedia
Reihe
Trierer Historische Forschungen
Reihennummer
74
Umfang
165
ISBN
978-3-89890-216-8
Thematische Klassifikation
Historische Demographie, Historische Geographie, Politikgeschichte, Rechtsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
Zeitliche Klassifikation
14. Jh., 15. Jh., Neuzeit bis 1900
Regionale Klassifikation
Frankreich, Deutschland
Schlagwörter
Deutschland
Frankreich
Grenzgebiet
Raum
Repräsentation
Wissen
Geschichte 1337-1795
Original URL
http://www.sehepunkte.de/2022/01/35121.html
recensio-Datum
07.02.2022
recensio-ID
0c3ccb890be94ed1a91937ca0bd26e04

Alexander Schunka: Rezension von: Stephan Laux / Maike Schmidt (Hgg.): Grenzraum und Repräsentation. Perspektiven auf Raumvorstellungen und Grenzkonzepte in der Vormoderne, Trier: Kliomedia 2019, in sehepunkte 22 (2022), Nr. 1 [15.01.2022], URL:http://www.sehepunkte.de/2022/01/35121.html

URL
https://recensio-stag.lorax.syslab.com/rezensionen/zeitschriften/sehepunkte/22/01/grenzraum-und-repra-sentation
Erstpublikation
http://www.sehepunkte.de/2022/01/35121.html

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