Bernd Schneidmüller: Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200-1500 (reviewed by Hiram Kümper)


sehepunkte 13 (2013), Nr. 6

Bernd Schneidmüller: Grenzerfahrung und monarchische Ordnung

Dreihundert Jahre europäische Geschichte auf nicht einmal dreihundert Seiten - das ist für sich genommen schon eine Herausforderung. Schneidmüller geht sie mit einem gelungenen darstellerischen Kniff an. Die gesamte Großerzählung nämlich wird eingebettet in zwei Momentaufnahmen: Europa um 1200 und Europa um 1500. Alles, was zwischen diesen beiden Polen liegt, wird wiederum entlang besonderer "Blickachsen" struktur-, d.h. vor allem politikgeschichtlich, entwickelt und an drei Stationen des Zusammentreffens mehrerer historischer Fundamentalereignisse (so genannten "Knotenpunkten") schlaglichtartig verdichtet. Im 13. Jahrhundert sind das der Ansturm der Mongolen und die Absetzung Friedrichs II. durch Innozenz IV.; im 14. Jahrhundert das Große Sterben in Zeiten der Pest sowie die Konsolidierung der europäischen Königreiche in ihrem für die kommenden Jahrhunderte jeweils charakteristischen politischen Gepräge. Im 15. Jahrhundert schließlich bilden das Scheitern der konziliaren Bewegung und die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen den dritten Knotenpunkt. Dadurch entsteht eine Geschichtserzählung, die zwischen den großen Linien und dem Exemplarischen changiert. Und das geht gut auf.

Schneidmüller betont, keine Geschichte Europas, sondern Geschichte in Europa schreiben zu wollen. Einen einheitlichen Begriff in die von ihm behandelte Zeit zurückzuprojizieren, lehnt er strikt ab. Europa sei kein fester geographischer Raum gewesen, auch keine politische Einheit, nicht einmal im präskriptiven Sinne, sondern vielmehr eine Anziehungsfläche, auf der Integrationskräfte unterschiedlicher Kulturen wirkten. Insbesondere der außereuropäische Raum und seine Bewohner hätten dabei eine häufig zu Unrecht vernachlässigte Rolle zu spielen. Schneidmüller setzt damit sehr konsequent das um, was sich das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragene und maßgeblich von ihm selbst mitinitiierte Schwerpunktprogramm "Integration und Desintregration der Kulturen im europäischen Mittelalter" (SPP 1173, Laufzeit 2005-2011) programmatisch auf die Fahnen geschrieben hatte.

Der innovative Zuschnitt ist der eine, der enge Quellenbezug der andere Vorzug dieses Buches. Der sparsame Anmerkungsapparat nämlich besteht fast ausschließlich - und das sehr bewusst - aus Nachweisen entsprechender Quellen; möglichst in deutscher Übersetzung. Das ist im Genre der Überblicksdarstellungen aus unerfindlichen Gründen etwas aus der Mode gekommen und umso mehr jetzt zu begrüßen. Es lädt Studierende und Geschichtsinteressierte wieder dazu ein, Quellen zu lesen.

Die Lektüre ist - das kann man nicht anders sagen - alles in allem eine Freude. Sie geht leicht von der Hand und lenkt den Blick überzeugend auf wesentliche Entwicklungslinien. Dabei fällt besonders wohltuend auf, dass Schneidmüller einerseits gar nicht erst versucht, die Widersprüchlich- und Gleichzeitigkeiten der spätmittelalterlichen Geschichte in einer großen Einheitserzählung aufzulösen - im Gegenteil: er verwehrt sich explizit dagegen -, andererseits aber deswegen nicht das Erzählen gleich gänzlich drangibt - auch hier wieder: im Gegenteil.

Kleinigkeiten, die man gerne anders gewichtet oder ausdrücklicher erklärt sehen würde, werden vermutlich jedem Leser an irgendeiner Stelle auffallen. Sie bleiben aber subjektiv, meist ohnehin marginal. Wenn beispielsweise Abb. 10 (145), eine Illustration aus dem Straßburger Frühdruck der Goldenen Bulle von 1485, mit "Der römische Kaiser und die sieben Kurfürsten" untertitelt wird, so ist das erst einmal zwar richtig; dem aufmerksamen Betrachter wird aber auffallen, dass nur sechs Fahnen zu beiden Seiten des Kaisers wehen. Die Begründung dafür liegt dem Mediävisten auf der Hand: Der Böhmenkönig als siebter Kurfürst sitzt natürlich in der Bildmitte - nämlich als Kaiser, der er zu dieser Zeit nun einmal selbst ist. Für den anvisierten breiten Leserkreis dürfte das mitunter aber nicht so klar sein.

Ein bisschen bedauerlich ist auch die Leimung des handlichen Taschenbuches, die schon die Besprechungslektüre nicht überdauert hat. Aber wenn das die einzigen Kritikpunkte bleiben - man könnte noch mit der beinahe klassischen Rezensentenwehklage nach einem auch hier fehlenden Sachregister daherkommen -, dann spricht das im Umkehrschluss eigentlich nur für eines: für den Inhalt dieses lesenswerten Büchleins.

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Document type
Review (monograph)
Journal
sehepunkte
Author (Review)
Language(s) (review)
German
Language(s) (reviewed text)
German
Authors
Title
Grenzerfahrung und monarchische Ordnung
Subtitle
Europa 1200-1500
Year of publication
2011
Place of publication
München
Publisher
C.H.Beck
Series
C.H.Beck Geschichte Europas
Series (vol.)
1982
Number of pages
304
ISBN
978-3-406-61357-9
Time classification
13th century, 14th century, 15th century
Regional classification
Europe
Subject heading
Herrschaft
Kulturraum
Original source URL
http://www.sehepunkte.de/2013/06/19341.html
recensio-Date
Jul 02, 2013
recensio-ID
ae45234fe81c463aa4ce632e9b8e7600
DOI
10.15463/rec.1189725021

Hiram Kümper: Rezension von: Bernd Schneidmüller: Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200-1500, München: C.H.Beck 2011, in sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 [15.06.2013], URL:http://www.sehepunkte.de/2013/06/19341.html

URL
https://recensio-stag.lorax.syslab.com/rezensionen/zeitschriften/sehepunkte/13/06/grenzerfahrung-und-monarchische-ordnung
First published
http://www.sehepunkte.de/2013/06/19341.html

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